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A la Carte April 10, 2020 00:00





In this issue of A la Carte : Die Restaurantwelt ist nicht mehr so, wie wir sie kennen. Wir sind alle betroffen und zwangsweise auf einer bösen Diät, deren Ende nicht absehbar ist. Niemals hätte das jemand geglaubt. In fast keinem Land der Erde haben Restaurants geöffnet. Dabei gehört es zu den normalsten Dingen einer Gesellschaft, sich in Cafés und Restaurants zu treffen, gedanklichen Austausch mit Menschen zu pflegen und einen Imbiss und ein Getränk zu bestellen. Die Orte der Begegnung sind geschlossen.
Es ist eine Gesundheitskrise, aus der eine wirtschaftliche Krise geworden ist, die auch eine kulturelle und gesellschaftliche Krise auslöst.
Gegessen wird immer. Es fragt sich nur, wo wir das in naher Zukunft tun werden. Online-Food fehlt eindeutig die nahrhafte Komponente. Wirte, Köche, Kellner, Bauern, Gärtner, Hoteliers und viele andere Berufsgruppen können kein Homeoffice machen. Ohne einem gewissen Mindestumsatz geht gar nichts. Kündigungen und Kurzarbeit regieren den Alltag. Das Warten auf die Rückkehr des gewohnten Lebens zermürbt. Die einen kochen für Videos für Social-Media-Kanäle, andere generieren Take-out-Services, einige Initiativen besinnen sich auf karitative Speisenanlieferungen. Einstweilen sind das nur Placebos gegen die Krise. Manches wirkt so effektiv wie grüne Smoothies und Ho­möo­pa­thie gegen eine ernsthafte Krankheit.

Spitzengastronomie war schon bisher ein Geschäft, das isoliert betrachtet eher mäßige Erträge brachte, das ohne die Leidenschaft der einzelnen Protagonisten nicht lebensfähig ist. Gerade weil es die Individualisten stets am stärksten trifft, haben wir jetzt ein Problem. Einige werden diese existenzielle Krise, das ist zu befürchten, nicht überstehen. Gleiches gilt auch für die begabten Einzelkämpfer im Lebensmittelbereich, die derzeit ebenfalls keine Abnehmer haben.
Von angeblichen neuen digitalen Geschäftsfeldern künden die Marketing-Phrasendrescher. Die meisten gut gemeinten Ideen bleiben wegen nicht marktgerechter Kalkulation und Vertriebsproblemen im Ansatz stecken. Es ist bezeichnend, dass die bekannten Essenszusteller in den Städten nicht das tolle Geschäft machen, das man angesichts geschlossener Lokale erwartet hätte. Vielleicht auch, weil das Gelieferte zu mittelmäßig und freudlos ist.
Wer kochen kann, ist in dieser Krise im Vorteil. Wer noch nicht kochen kann, lernt es jetzt vielleicht. Und lernt dabei auch eine Menge über Angebot und Qualität von Lebensmitteln.
Dass regionale Produkte und Strategien in nächster Zeit al­ter­na­tiv­los favorisiert werden, ist eine ausgemachte Sache. Pflegen wir den ohnehin schon starken Regionalismus, aber vergessen wir darüber nicht, wie Reisen uns gegenüber anderen Menschen und Kulturen öffnet.

Dieses Heft ist vor und mitten in Corona-Zeiten entstanden. Entsprechend lesen sich Geschichten wie etwa jene über Reisen nach Portofino oder auf die Malediven wie aus deinem Märchenbuch – alles nicht wahr. Doch wahr, weil es weitergeht.
Hoffen wir, dass sich Prophezeiungen bewahrheiten, die nach dem virtuellen Zusammenrücken und Eremitendasein einen nie da gewesenen Boom bei Reisen und Lokalbesuchen vorhersagen. Nach der Diät, so die These, kommt wieder die Zeit des Konsums.
Konsum ist mehr als nur eine Luxusattitüde, Konsum ist auch, was jeder Mensch in sein Leben lässt. Wir brauchen möglichst viele Impulse in Form eines lebendigen Geschäfts. Jeder Käufer, jeder Gast ist ein effektiver Wirtschaftsmotor. Das kann man durchaus in einer positiven und nachhaltigen Richtung auslegen.
Darauf freue ich mich schon. Bleiben Sie gesund!
Christian Grünwald Herausgeber & Chefredakteur



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