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A la Carte July 17, 2020 00:00





In this issue of A la Carte : Es gibt jetzt viele gute Gründe, ins Restaurant zu gehen. In jedem Fall seien Sie bitte ein guter, angenehmer Gast.

Es waren die Tage der beschränkten, zum Teil gar nicht mehr existierenden Gastlichkeit. Erst im Lockdown wurde die Systemrelevanz von Gastronomie und Hotellerie offenkundig. Das hat nicht nur mit dem 20-Prozent-Anteil an der heimischen Gesamtwirtschaftsleistung zu tun, sondern auch mit dem damit verbundenen Lebensgefühl unserer Gesellschaft. Ohne Gastronomie ist die Stimmung knapp vor dem Nullpunkt.

Wer meint, dass Krisen auch etwas Gutes haben, soll ­weiterträumen. Tatsächlich wird sich durch die gewaltigen Umsatzeinbrüche die Gastronomie- und Hotellerielandschaft im Laufe des Jahres auf dramatische Weise ändern. Jeder von uns wird Betriebe kennen, die es nicht schaffen.

Die neue Homeoffice-Arbeitswelt verändert die Gastronomie ebenfalls radikal. Galt bei vielen früher schon ein Mittagessen als Zeitverschwendung, kommt man jetzt gar nicht erst in Versuchung. Aber auch jeder Mini-Lunch fehlt, weil die Büros verwaist sind. Dass beim Hochfahren der Betriebe die Warteschlangen beim Drive-in für labbrige Burger länger als die vor dem Baumarkt waren, mag Feinessern nicht so schmecken. Aber wahrscheinlich waren ja alle nur wegen der Kinder dort.

Beim Fine Dining steht, nicht zuletzt auch wegen der Absenz von internationalen Gästen, ohnehin ein grundsätzlicher Strukturwandel bevor. Lange Leistungsschau-Menüs sind nicht mehr nach dem Geschmack der Gäste. Sie wünschen sich vielmehr ein Gesamtpaket mit sehr individuellem Bezug, egal ob es sich dabei um einen Küchenchef, eine Region oder auch damit zusammenhängende Produkte handelt. Im Herbst, wenn wieder verstärkt im Restaurant geräuspert und gehustet wird, hat kaum jemand den Nerv für neun Gänge.

Aber jetzt ist Sommer, das Synonym für Ferien, Freiheit, Genießen und Erholung. Das mit der Freiheit kann man angesichts verschiedener Reisewarnungen und Hygienebedenken derzeit unterschiedlich interpretieren.

Die verschiedenen angeordneten COVID-19-Maßnahmen machen es den Gastgebern schwer ­genug, da braucht es nicht auch noch quengelige, unhöfliche Gäste. Darum einige Gedanken aus der Neigungsgruppe: „Sei ein angenehmer Gast“ für die nächste Zeit. Es ist kein persönlicher ­Angriff auf Sie als Gast, wenn Sie von einem Restaurantmitarbeiter zum Beispiel um Abstandhalten oder eine Reduzierung der Personenanzahl in einer geselligen Runde gebeten werden. Seien Sie ­sicher: Dem Wirten geht das staatliche Reglement garantiert noch mehr auf die Nerven als Ihnen.

Viele Restaurants vergeben neuerdings Time Slots für eine Tischreservierung. Niemand hetzt Sie als Gast durch das Essen, aber seien Sie kooperativ und kein Sesselkleber, achten Sie auch selbst auf die ausgemachte Zeitspanne.

Geben Sie Trinkgeld wie ein Millionär, am besten in bar, auch und gerade weil Kartenzahlung immer üblicher wird. Mehr denn je gilt, dass Servicemitarbeiter einen besonders harten Job haben und ihr Grundlohn nicht gerade überwältigend ist. Übrigens wird in ordentlichen Häusern das Trinkgeld in einer Art Pool-Verfahren unter allen Mitarbeitern fair aufgeteilt, manchmal partizipiert auch die Küche.
Verzeihen Sie Fehler. In Corona-Zeiten haben viele Restaurants die Anzahl der Mitarbeiter reduziert, da kann schon mal etwas länger dauern oder auch ein kleiner Fehler passieren. Das heißt nicht, dass man alles runterschlucken muss, aber ganz ehrlich, genießen wir doch jetzt die schöne Zeit in den wieder geöffneten Restaurants und zeigen wir die Freude darüber mit einer Extraportion Freundlichkeit. Die nächste Periode, in der wir hinter der Maske lächeln, kommt ohnehin schneller, als wir es uns ausmalen.

Christian Grünwald Herausgeber & Chefredakteur



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