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ElektroRad May 15, 2020 00:00





In this issue of ElektroRad : Liebe Leserinnen und Leser, Ok, ich gebe es zu: In Corona-Zeiten bin ich auch mal Fußgänger. Meine Frau und ich machen mehrmals in der Woche längere Power-Walks, weil ich mir in der Homeoffice-Phase Pendler-Zeit spare. Mir fällt auf, dass ich noch nie den Frühling so intensiv genossen habe. Die Vögel jubilieren, Bäche und Blätter rauschen, die Natur erblüht. Auch mittwochs, wenn wir zur Rushhour-Zeit unsere Runde drehen, ist das Grundrauschen des Verkehrs weg. Schön könnte es ohne Autos sein, Utopie ist Wirklichkeit.
Wenn nicht die vielen Menschen auf den Wegen wären. Klar, Sport hilft gegen Lagerkoller. Aber da sind Spaziergänger vor uns, die durch ihre Gehweise mit 1,5 Metern Abstand auf schmalen Pfaden schnelleren Walkern und Joggern einen Riegel vorschieben. Laufgruppen kommen entgegen, die Zwei-Personen-Regel ignorierend. Und dazwischen schlängeln sich – oft mit brutaler Vehemenz – immer wieder Radfahrer durch. Da schäme ich mich als Rad-­Redakteur fremd.
Wenn man Fußgänger ist, bemerkt man es: Entgegenkommende Spaziergänger schieben eine leichte Brise vor sich her. Bei Joggern ist die menschliche Wolke als Schwall spürbar, bei Radfahrern eine böige Wind-Wand. Schlimmer noch, wenn die Sportler von hinten heranrauschen. Jogger ziehen nah an der Schulter vorbei, rechts und links gleichzeitig. Es ist schon eine erfreuliche Ausnahme, wenn uns Biker defensiv in einem Bogen umkurven.
In schwierigen Zeiten wie diesen, wo Solidarität und Rücksichtnahme Vorrang haben sollten, liegt Aggression in der Luft. Dabei sollte in Pandemie-Zeiten das Motto sein: Das Wir besiegt das Virus, Abstand bedeutet Anstand. Wissen sie denn nicht, dass wir mit jedem Ausatmen Aerosole ausblasen, die Corona-Erreger in sich tragen können? Bei trainierten Joggern können die feinen Tröpfchen noch in der Luft hängen, wenn sie schon zehn Meter weiter sind. Bei Radfahrern können es sogar 15 Meter sein. Das zeigen die Simulationen der Universitäten Eindhoven (Niederlande) und Leuven (Belgien). Wobei die Frage offen bleibt, wie viel Dosis Virus man aufnehmen muss, damit überhaupt eine Infektion stattfindet. Schließlich spielen Faktoren wie Immunabwehr und Aufnahmeweg wichtige Rollen.
Obwohl vieles ungeklärt ist, regt sich bei vielen Begegnungen in uns ein Unbehagen. Deshalb haben wir eine Strategie entwickelt: Wir wählen weniger frequentierte Wege, weichen auf die Morgen- oder Abendstunden aus, laufen an Engstellen generell im Gänsemarsch – dann kommen die anderen auch besser an uns vorbei. Entgegenkommenden weichen wir aus oder rufen ihnen beherzt „Bitte Abstand halten“ zu. Und Radlern hinterher. Darauf hoffend, dass sie Distanz-Halten schon beim Nächsten praktizieren. Als Radfahrer bremsen wir ab, wenn es vor uns von Passanten wimmelt. Überholen erst, wenn wir über eine längere Strecke freie Bahn haben. Wenn wir auf langsamere Radfahrer auffahren, halten wir zehn Meter Abstand. Dass wir in großem Bogen sorgsam um Spaziergänger herumkurven, hat uns schon vielfach Dank eingebracht. Auch eine neue Erfahrung.
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