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matices April 21, 2020 00:00





In this issue of matices : „Traditionen“ oder „traditionell“ bringen viele mit altmodischen, leicht eingestaubten Bräuchen und konservativen Einstellungen in Verbindung. Doch sind Traditionen wirklich so starr wie es für mach eine*n den Eindruck macht? Und sollten sie es gar sein? Traditionen können vieles sein, doch starr sind sie selten. Der Begriff lässt sich vom lateinischen tradere „hinüber-geben“ oder traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“ ableiten. Der Prozess des „Übergebens“ ist etwas sehr Lebendiges, ein dynamisches Geschehen, das mit der Zeit auch Veränderung und Transformation erfährt. So auch Traditionen.
In dieser Ausgabe laden wir unsere Leser*innen dazu ein in ein buntes Potpourri unterschiedlichster Traditionen in Lateinamerika und Spanien einzutauchen und den Blick für das was Traditionen sein können zu weiten und zu erfahren welche Rolle äußere Einflussfaktoren wie Migration, Politik und Medien dabei spielen können.
Eine der am weitesten verbreiteten Tradition Lateinamerikas stellt die Quinceañero, eine spektakuläre und meist pompöse Feier des fünfzehnten Geburtstages eines Mädchens, dar. Verschiedene Stimmen lateinamerikanischer Frauen geben Einblicke in ihre eigenen Quinceañera’s. Für manche ist es ein wichtiges und unverzichtbares Fest, für andere spielt es keine große Rolle. Doch worin liegt der Ursprung dieser Tradition und welche Ideen gibt es für eine zukünftige Entwicklung der Quinceañero?
Dass Traditionen auch große Distanzen überwinden können, zeigt sich im Artikel der Ethnologin Dr. Sinah Kloß: Im Fokus stehen hier die sich ständig wandelnden Hindu-Traditionen in Guyana. Der Artikel bietet spannende Einsichten in lokal verankerte kulturelle Transformationen, die im Austausch mit anderen Ländern der Karibik und Brasilien stehen.
Auch Brasilien ist ein wahres Konglomerat aus unterschiedlichen Ethnien, Religionen und Menschen, die aus verschiedensten Teilen der Erde kamen. Afrikanische Einflüsse aus Zeiten der Sklaverei sind omnipräsent und bereits stark in dem was von der Mehrheitsgesellschaft als „Brasilianische Kultur“ wahrgenommen wird, verankert. Der Ethnologe Marcello Muscari gibt Aufschluss in das manchmal komplizierte Zusammenspiel von Politik und Religion im Kontext einer afrobrasilianischen religiösen Gemeinde und der Rolle von Innovation und Wandel im Kontext staatlicher Anerkennung von Traditionen als solche.
Etwas weiter südlich, in Uruguay zeigt sich, dass Traditionen etwas sehr Lebendiges und „Bewegtes“ sein können. Dort hat ein einziger Rhythmus sich als geliebte Tradition etabliert: Candombe. Zum Weltkulturerbe erklärt stellt dieses berauschende Fest der Sinne ein Erbe afrikanischstämmiger Einwohner*innen dar. In den letzten Jahrzehnten durchlebte diese artistische Manifestation afrikanischer Einflüsse viele Veränderungen und breitete sich weiter aus.
Im Nachbarland Argentinien gibt es vieles was die Argentinier eint und manch eine*r als argentinische Tradition bezeichnen würde. Doch gibt es auch eine riesige Bandbreite an Unterschieden und feiner Nuancen kultureller Entitäten. Diese unterschiedlichen Bräuche, Tänze und regionalen Eigenheiten finden ihren Höhepunkt auf den „Fiestas Populares“, in welcher die große kulturelle Diversität des Landes zu spüren und zu erleben ist. Besonders bekannt ist die Tradition der Gauchos, welcher wir uns in dieser Ausgabe intensiver widmen wollen.
Eine gänzlich andere Perspektive auf Traditionen bietet der letzte Artikel dieses Schwerpunktthemas: „El Gordo“ - Der Dicke - nennt sich die größte Lotterie der Welt, die in Spanien bereits zur Tradition erklärt worden ist. Traditionen können somit auch monetärer Art sein und werden unter anderem Stark von Medien geformt und gezeichnet.



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